Risikoanalyse zum rot-grünen Sparpaket

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Was für jeden Verantwortlichen in der freien Wirtschaft zum täglichen Geschäft gehört, scheint bei der Hattersheimer Regierungskoalition noch nicht angekommen zu sein: Die Erstellung einer belastbaren Risikobewertung des eigenen Sparplanes

Worum geht es?
Bei der Erstellung eines Budgetplanes ist es unabdingbar, eine Bewertung der Risiken dieses Planes vorzunehmen um sicher zu stellen, dass die Annahmen unter denen eine solche Budgetierung stattfindet, auch gesichert sind und mögliche Risiken weitestgehend ausgeschlossen werden. Eine solche Vorgehensweise ist für jeden Verantwortlichen in leitender Position gewohnte Praxis und alltägliches Geschäft, ganz gleich ob es sich dabei um einen Projektleiter, einen leitenden Angestellten oder Geschäftsinhaber handelt.

Für diese Form der Risikoanalyse und Risikobewertung gibt es wissenschaftlich Methodiken die in der Lage sind, wirtschaftliche Risiken auf ein Minimum zu begrenzen. Natürlich haben auch diese Methodiken ihre Grenzen, nichts desto trotz helfen sie bei der Vermeidung grober Planungsfehler sehr effizient. 

Es gibt auf dem Softwaremarkt hierzu eine ganze Reihe verschiedenster Applikationen die zumeist auf einem Tabellenkalkulationsprogramm wie Excel oder Calc beruhen und die die notwendigen Formeln zur Risikokalkulation bereits beinhalten. 
Wer sich gerne mal selbst mit solchen Tools befassen möchte und evtl den rot-grünen Einsparplan zum kommunalen Rettungsschirm selbst mal auf seine Risiken hin überprüfen möchte kann mal Google nutzen und sich reichlich kostenfreie Tools herunter laden.

Um es hier aber nicht zu kompliziert zu machen, veröffentlichen wir hier einfach die stark vereinfachte Form der Ergebnisse aus der durchgeführten Risikoanalyse zu den vorgestellten und am Donnerstag beschlossenen Einsparplänen der Regierungskoalition.

1) Bezeichnung: Ausgangspunkt ist immer das sogenannte Produkt der doppischen Haushaltsführung, also den summierten Einzelpositionen wie z.B. Abschreibungen, Reinigungs und Wartungskosten, Personalkosten, Energieversorgung, Grünflächenpflege oder den nicht durchgeführten Sanierungskosten der Stadthalle. Gleiches gilt für alle anderen Produkte wie z.B der städtischen Kinderbetreuung oder der Sozialarbeit. Der Vereinfachung halber nutzen wir hier generell die Produkbezeichnung und nicht die Produktnummer

2) Beschreibung: Dies ist die Beschreibung der mit diesen Produkten verbundenen Einsparungen, also was will man wie und wodurch erreichen. Dies ist die angedachte Maßnahme die zum Ziel der Einsparung führen soll.

3) Einsparvolumen: Der geplante Einsparungswert nach den Vorlagen der Stadt

4) Risikobeschreibung: Hier werden die möglichen Risiken zu einem Produkt aufgeführt. Dieser Bereich kann alle denkbaren Negativeinflüsse beinhalten, die dazu führen können, ein Einsparziel nicht zu erreichen

5) Risikowert: Der Risikowert beinhaltet die geschätzten Ausmaße auf den Einsparwert, wenn der Risikofall aus der Beschreibung eintritt. Dies ist ein prozentualer Wert, der dann gegen die angedachte Einsparsumme gerechnet wird. Die Summe aller Risikowerte ergibt dann den maxinmal denkbaren Fehlbetrag an Einsparungen

6) Wahrscheinlichkeit: Die Risikowahrscheinlichkeit beschreibt den Eintrittswahrscheinlichkeit eines Negativeffektes und damit die Wahrscheinlichkeit des Nichtzustandekommens des angedachten Einsparvolumens. Zusammen mit dem Risikowert ergibt dies dann die Auswirkung als unmittelbaren Fehlbetrag 

Starten wir mit der Risikoanalyse hier

Bezeichnung: Politische Gremien
Beschreibung: Reduzierung Aufwandsentschädigung und Fraktionsgelder, Verringerung der Anzahl an Magistratssitzungen
Einsparvolumen: 10.000,- €
Risikobeschreibung: Anzahl Magistratssitzungen bereits jetzt schon erhöht, Reduzierung unter Rahmenbedingungen des Schutzschirms zweifehaft
Risikowert: 10% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 100%
Fehlbetrag: 1.000,- €
Status: Vernachlässigbares Risiko, kein Projektauswirkung

Bezeichnung: Stadthalle
Beschreibung: Verkauf des Geländes und der Halle, bzw andere Lösung der Stadt zur Vermeidung des Zuschussbedarfs und der anstehenden Sanierungskosten
Einsparvolumen: 423.970,- €
Risikobeschreibung: Von den genannten 423.000 € sind alleine 185.000 € Abschreibungen. Diese müssen auch nach Schließung der Stadthalle weiter vorgetragen werden.
Risikowert: 44% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 100%
Fehlbetrag: 185.000,- €
Status: Sehr hohes Risiko, Projektgefährdend

Bezeichnung: Tiergehege
Beschreibung: Prüfen, ob Übernahme durch Förderverein, Stiftung, Kleintierzüchterverein, Patenschaft etc möglich ist
Einsparvolumen: 28.950,- €
Risikobeschreibung: Förderverein müsste erst gegründet werden, andere Vereine durch Kürzung der Vereinsförderung ohne ausreichende Geldmittel.
Risikowert: 60% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 90%
Fehlbetrag: 17.370,- €
Status: Geringes Risiko, nur in Verbindung mit anderen Risiken projektgefährdend

Bezeichnung: Suchtberatung
Beschreibung: Anteilige Kostenübernahme durch den MTK oder Hawobau
Einsparvolumen: 47.000,- €
Risikobeschreibung: Kostenübernahme MTK ungeklärt, Verschiebung Hawobau entspricht Schattenhaushalt da Reduzierung der Gewinnausschüttung zu erwarten ist
Risikowert: 60% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 90%
Fehlbetrag: 28.200,- €
Status: Geringes bis mittleres Risiko, nur in Verbindung mit anderen Risiken projektgefährdend

Bezeichnung: Jugendarbeit
Beschreibung: Einsparung durch Optimierung/Neukonzeption unter Einbeziehung von Vereinen, Kirchen, Schulen
Einsparvolumen: 150.000,- €
Risikobeschreibung: Kein Konzept vorgelegt, Bislang keine Absprachen mit Kirchen, Vereinen und Schulen.Mittel bei Kirchen, Schulen und Vereinen begrenzt bzw nicht vorhanden
Risikowert: 80% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 90%
Fehlbetrag: 120.000,- €
Status: Hohes Risiko, projektgefährdend

Bezeichnung: Kinderbetreuung
Beschreibung: Einsparungen durch Maßnahmen Elternarbeit
Einsparvolumen: 60.000,- €
Risikobeschreibung: Wenig realistische Ausgangsüberlegung, kaum Erfolgsaussicht unter der drohenden neuen Gebührenanpassung
Risikowert: 90% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 80%
Fehlbetrag: 54.000,- €
Status: Mittleres Risiko, in Summe mit anderen Risiken projektgefährdend

Bezeichnung: Schwimmbad
Beschreibung: Begrenzung des Zuschussbedarfs auf 300.000 €
Einsparvolumen: 87.000,- €
Risikobeschreibung: Begrenzung kaum realistisch. Föderverein ist gemeinnützig und kann somit keine wirtschaftlichen Leistungen erbingen. Begrenzung deshalb nur durch Personalabbau realisierbar
Risikowert: 80% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 90%
Fehlbetrag: 69.000,- €
Status: Mittleres Risiko, in Summe mit anderen Risiken projektgefährdend

Bezeichnung: Straßenreinigung & Winterdienst
Beschreibung: Pauschale Einsparung 25.000 €
Einsparvolumen: 25.000,- €
Risikobeschreibung: Erhöhtes Risiko für die Stadt für nicht geräumte/gestreute Wege und Straßen, Unfallfolgen und Regresspflicht
Risikowert: 50% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 50%
Fehlbetrag: 12.500,- €
Status: Geringes Risiko

Bezeichnung: Einkommensteueranteil
Beschreibung: Auswirkungen durch geänderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen (Mehreinnahmen)
Mehreinnahmen: 425.000,- € in 2016
Risikobeschreibung: Nachlassende Konjunktur und Negativentwicklung am Arbeitsmarkt spätestens ab 2014 auch in Einkommensteuerentwicklung spürbar, Ansatz von 425.000 € in 2016 unrealistisch
Risikowert: 60% der Mehreinnahmen
Wahrscheinlichkeit: 90%
Fehlbetrag: 255.000,- €
Status: Sehr hohes Risiko, projektgefährdend

Bezeichnung: Personalkosten
Beschreibung: Reduzierung des Personalbestandes bis 2016 um 10%
Einsparvolumen: 200.000,- €
Risikobeschreibung: Unrealistischer Ansatz: Die bereits in den Produkten hinterlegten Reduzierungen von Personalkosten in Höhe von 500.000,- € sind unter Berücksichtigung von §34 TVÖD schon nicht erreichbar, weitere 200.000,- € durch reine Fluktuation nicht realistisch umsetzbar.
Risikowert: 50% des Einsparvolumens
Wahrscheinlichkeit: 90%
Fehlbetrag: 100.000,- €
Status: Sehr hohes Risiko, projektgefährdend

Gesamtfehlbetrag dieser bewerteten Risikopositionen: 842.070,- €
Gesamtwahrscheinlichkeitsfaktor: 76%

Dies sind jetzt nur 9 Positionen der Einsparungsliste mit augenfälligem Risikopotenzial und einem Anfangsfehlbetrag von knapp 850.000,- €. Gerechnet gegen die am Donnerstag beschlossene Gesamtsumme der Konsolidierungsmaßnahmen von 5.418.000,- € entspricht dies lediglich einer Einsparsumme von 4,575 Mio € statt der geforderten 5,3 Mio €

Eine solche Risikobewertung müsste nun kontinuierlich gepflegt werden und in regelmäßigen Bewertungsgesprächen auf ihre Auswirkungen und die Möglichkeit der Zielerreichung geprüft werden. Aber gerade bei den Personalfragen darf bezweifelt werden, dass man hier aus politischen Motiven die Verfolgung und Abarbeitung einer solchen Risikomatrix konsequent einhalten wird.

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